Jürgen Lodemann

1936 in Essen geboren, Studium in Freiburg (Philosophie, Philologie, naturwissensch. Geographie), Staatsexamen und Promotion ("Bürgerlichkeit"), 30 Jahre Filmemacher und Moderator im Fernsehen Baden-Baden (SWF, heute SWR).

Erfand gegen die Bestsellerlisten die „Bestenliste“, die monatliche Qualitätsliste deutschsprachiger Literaturkritik mit 35 Juroren aus Österreich, Schweiz und der Bundesrepublik.

Debut 1975 mit „Anita Drögemöller und die Ruhe an der Ruhr“, erster Roman mit reinem Ruhrdeutsch. „Schreibtischwüstling“ laut "Stern". Max von der Grün: „Die deutsche Literatur ist arm an solchen Büchern, die so leicht zu lesen sind und doch einen ernsten sozialen Hintergrund vermitteln.“

1980 „Ahnsberch, Volksstück über die Räuber an der Ruhr". Ein Jahr lang in Peymanns „Bochumer Ensemble“ - der Traum vom autonomen Ruhrgebiet.

1985 „Essen Viehofer Platz“, Roman. Das Ruhrgebiet als Modellfall von Medienmafia und Prekariat. Volker Hage (damals FAZ): „...Und der Erotik wird in der deutschen Literatur endlich wieder zu ihrem Recht verholfen: Lodemann versteht es ...“

2000 "Lortzing" (672 Seiten) , der Theatermusiker, der Texter, der 1848er - Autor von Text und Musik zur ersten und einzigen Arbeiter-Oper, zur Freiheits-Oper "Regina".

2002 „Siegfried und Krimhild. Die Nibelungenchronik“ (896 Seiten), gemäß Heiner Müllers „die Nation beerdigen“. Die Revision des europäischen Stoffs nach den ältesten Quellen. Zum Beispiel der Jung-Siegfried-Beginn authentisch an ältesten Schmiedestätten. Altgermanist Otfrid Ehrismann: „ . . . hat dem Nibelungenmythos eine neue und zukunftsfähige Würde gegeben.“ (Siehe "Medien-Echos")

Eva Willermann (Münster): "Lodemann liest hinreißend".

2008 "Paradies, irisch" - eine frühe Stadt- und Menschrenrechtsgeschichte, so intim wie politisch. Um 1550 in einem 800jährigen Krieg ein Friedens- und Wirtschaftswunder. Die atlantische Hafenstadt Galway als Biotop der Lebenskünste. Erich Fromm: "Tragedy of justice". (Siehe unten: "Freiburg 2009")

Lesen in der kalten Stuttgarter City
aus: "Siegfried und Krimhild. Die Nibelungenchronik", in diesem Moment Brünhilds althochdeutsche Verfluchung der rheinischen Reiche, Seite 709 (neuhochdeutsch): "... Sorgt vor in Eurem Denken ... diese Länder werden verbrennen ...")













Kirchenfigur (Eine der Abbildungen in "Paradies, irisch")

"Ahnsberch" Schlussbild, Bochum 1980

F R E I B U R G 2 0 0 9

Im September 2008, als die Blase "Lehmann" platzte mit den bekannten Globalfolgen, just da erschien die Stadt-Geschichte „Paradies, irisch“, die erzählt von einem irischen Friedens- und Wirtschaftswunder um 1550, das nach paradiesischen Wonnen implodierte, unter "Gier" und so weiter. Eine Stadt stürzte ab, obwohl schon damals testamentarisch – in einem „Testament“ – die uralte Dichter-Frage gestellt war, „wie man zer werlde solde leben“, wie also selbst unter Irlands 800jährigen Blut-Fehden ein Miteinander möglich sei, in dem man sich NICHT gegenseitig variantenreich das Leben nahm. Ein früher Bürgertraum –

– „Frei Burg“ –

- ein traumafter Beginn der polis- oder Stadtkunst (Politik) in Irland. Der Verlag hatte mitgeteilt, dies sei auch Thema gewesen in meinem "Lynch" (1976), das aber sei nun "nach 32 Jahren erneuert und erweitert um faszinierende Fundstücke". „Paradies, irisch“ kam nicht vor, nicht in "Literaturen", nicht in "Volltext", nicht in Frankfurter Rundschau, taz, FAZ, WAZ, FAS, WamS, Welt, ZEIT, Spiegel, Focus, Cicero, Tagesspiegel, Berliner Zeitung, Süddeutsche Zeitung, Nürnberger Nachrichten, Rheinischer Merkur und so weiter (Hannoversche Allgemeine, Mainzer Allgemeine, Augsburger Allgemeine etc etc). Gab auch keine Einladungen ("liest hinreißend") nach Berlin oder Hamburg, Frankfurt, München, Wien, Köln, Leipzig etc etc . Weil der Autor nicht jung, nicht Frau, nicht DDR, nicht mehr TV und hinterhältig immer dies Politische. Wie kann einer auch so im Abseits wohnen, in Freiburg. Goethe schildert Freiburg präzise: „ganz hinten“, „im Grunde“, „die Berge quervor“ – (17.9.1797).

Dabei erzählt auch Freiburg Fabelhaftes. Streng katholisch, überragt vom vielleicht wirklich schönsten Turm der Gotik, und dennoch erstaunliche Öffnungen ins freiheitlich Denkende. 1849 "niedergemacht" vom preußischen Militär, unter "Kartätschenprinz" Wilhelm (der daraufhin deutscher Kaiser wurde). Dennoch, als sei Freiburg Pionierstadt, fand man dort fast immer Wege ins Alternative, im Denken wie Handeln, ins Umcodieren von Sein und Zeit. "Frei Burg" - eine Stadt zum Erzählen.

Und zur Paradies-Geschichte siehe, was der kleine Verlag anderswo fand ("Medien-Echos").

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PROUST’S QUESTIONS

(2009 in Irland beantwortet für den „Galway-Advertiser“)

What is your idea of perfect happiness? Being accepted for my imperfectness

Which historical figure do you most identify with? Robert Blum, who was already trying to make Germany democratic in 1848

Which living person do you most admire?  Daniel Barenboim, a conductor - in both senses of the word

Which is the trait you most deplore in yourself? Wanting to be popular

What is your greatest extravagance? Loving REGINA, an unknown opera about liberty, created in 1848

What is your favorite journey? Between my ears

On what occasion do you lie? When writing true stories

Which living person do you most despise? The one, who dismantled the Galway to Clifden railway

What or who is the greatest love of your life? REGINA, the only opera about real factory workers

When and where were you happiest? When I finished my Galway novel after 50 years: “Paradies, irisch”. 

Which talent would you most like to have? Living in so-called reality

What is your current state of mind? Not suffering from but enjoying life as elderly person

What do you consider your greatest achievement? Turning the fateful German Nibelungenlied into a pacifist tale - in a successfull big book and as a theater play

If you were to die and come back as a person or a thing, what do you think it would be? As an autograph-tree for the new Irish poets

What is your most treasured possession? Enthusiastic belief in human rights

What do you regard as the lowest depth of misery? Absence of live communication

What is your favorite occupation? Dreaming

What is the quality you most like in a man? Fantasy – how about a pedestrian bridge between Galway University and City, spanning the massive old railway pillars?

What is the quality you most like in a woman? Fantasy

Who are your favorite writers? Those with social conscience

What is your motto? We all start as non-conformists

 











Offener Brief an ein Landesparlament

Sehr geehrte Abgeordnete,

im Rundfunkrat des "Südwestdeutschen Rundfunks", im Aufsichtsgremium des öffentlich-rechtlichen Senders in Baden-Württemberg gibt es Sitze für Politiker und für viele Interessengruppen. Für Dichter freilich nur einen halben, denn die Dichter müssen sich den "Kultur"-Sitz mit den Musikern teilen. Die Rundfunkverfassung gebietet "Staatsferne" - ist das vereinbar mit den sehr vielen Aufsichtsratssitzen für Politiker?

In dem Bundesland, von dem Politiker sonntags gern schwärmen, hier seien "der Schiller und der Hegel die Regel", wählten Politiker kürzlich auf den "Kultur"-Sitz zum dritten Mal (für weitere fünf Jahre) den Vertreter der Musiker. Dichter kommen nun für fünfzehn Jahre gar nicht mehr vor dort oben, im Rat der Weisen eines Senders, den Dichter gegründet haben (Döblin zum Beispiel). Das Votum der Politiker für den (regierungsfreundlichen) Musiker (und gegen den Schriftsteller) entsprach zählgenau parteilichem Proporz. Regierung überstimmte Opposition. "Staatsfern"?

Das ist nicht nur de jure verfassungswidrig, es ist unwürdig in einem Land mit großer literarischer Tradition. Wir fordern Sie auf, novellieren Sie die Bestimmungen, damit endlich staatsferne Kompetenz eine Chance bekommt. Laut Rundfunkverfassung gilt der öffentlich-rechtliche Auftrag nicht dem Vorteil von Parteien, sondern ausdrücklich folgenden drei Angelegenheiten: Information - Unterhaltung - Kultur.

Im Namen des Verbandes deutscher Schriftsteller (VS) in Baden-Württemberg, Jürgen Lodemann, Vorsitzender

Der nebenstehende Brief, abgeschickt im März 2008, hatte keine Folgen. Es folgte aber im Herbst 2008 eine Initiative aus baden-württembergischen Regierungskreisen (Wirtschafts-Ausschuss), ein Antrag an den Bundesrat, wonach die Künstlersozialversicherung zu kippen sei. Die KSK schützt bis jetzt mehr als hunderttausend selbständige Künstler, auch Autoren, in Krankheitsfällen, im Renten- und im Pflegefall. Der Antrag scheiterte an solidarischen Protesten.